Angststörungen, Phobien, Panikstörungen – therapeutisch erklärt

Lehrvideo und Fachartikel von Robert Riedl

In Österreich sollen etwa 1,2 Millionen Menschen an Angststörungen leiden, d.h. sie erleben Ängste, die in ihrer Stärke nicht angemessen sind. Aus meiner Berufserfahrung weiß ich, das unangemessene Angstgefühle bzw. eher nicht normales Angsterleben gut therapierbar sind. 

Wie entstehen Ängste?

Angst ist ein lebenswichtiges Gefühl: es ähnelt einem emotionalen Alarmmodus, der uns vor Bedrohungen warnt. Angst versucht uns also immer vor Gefahren zu schützen. Dabei ist es ganz egal, ob die Gefahr real oder bloß eingebildet ist. Wenn wir uns zum Beispiel einen Horrorfilm anschauen, wissen wir ganz genau, dass alles nicht real ist. Doch wir erschrecken trotzdem, als wären wir selber mitten im Horrorfilm.

Aufschlussreich ist, dass wir sagen: "Es gelingt nicht, es geht nicht!" – Etwas namens "Es" scheint stärker als Verstand und Wille zu sein. Mit anderen Worten: ES übernimmt die Kontrolle und ist plötzlich mächtiger als alles, was wir wissen oder beabsichtigen. Als Psychotherapeut weiß ich, dass Willenskraft und Knowhow uns immer dann nicht weiterbringen, wenn unsere sogenannte ES-Seite oder unbewusste Seite das Steuer übernimmt.

Welche Arten von Ängste gibt es und welche "Angstsymptome" haben dabei die Klienten (wie bei der Panikattacke)?

Ich würde einmal ganz allgemein zwischen Angst, Panik und Sorgen unterscheiden.

  • Ängste und Furcht beziehen sich immer auf Erfahrungen aus der Vergangenheit: also auf unangenehme Erlebnisse, die wir im Laufe unseres Lebens gemacht haben, und die bei gleichen oder ähnlichen Situationen in uns Angst auslösen, um uns davor zu schützen oder damit wir uns besonders in Acht nehmen.
  • Panik ist ein besonders starkes Erleben von Angst. Man sagt auch: "Panik bricht aus" und meint damit ein unkontrolliertes Verhalten. Es gibt individuelle Panik - wie bei Panikattacken - und kollektive Panik, wenn sogenannte Massenpaniken auftreten (wie bei starkem Menschengedränge).
  • Und dann möchte ich, wie gesagt, Sorgen oder Befürchtungen unterschieden. Das sind Ängste oder Angstgedanken, die auf die Zukunft gerichtet sind - und nicht wie bei der Panik auf gegenwärtige Situationen.

Wer Angst erlebt, wird sie in der Regel auf vier Erfahrungsebenen wahrnehmen:

  1. durch mehr oder weniger hilfreiche Gefühle (wie Engegefühl, Gestresstheit, Benommenheit, Belastung oder Druck),
  2. durch mehr oder weniger nützliche Gedanken und Bewertungen ("Was wäre, wenn..." oder "Ich werde sicher verrückt...", "Ich werde sterben!"),
  3. durch mehr oder weniger starke Körpersymptome (wie Atemnot, Herzrasen, Schwitzen, Schwindel, Magenbeschwerden oder Muskelverspannungen) und
  4. durch mehr oder weniger unwillkürliche Verhaltensweisen und Aufmerksamkeit (wie "Tunnelblick" und Gefahrenmodus, Blockade des Denkens oder Erstarren, Flucht oder Kampf - ganz nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung).

Therapeutisch spricht man vom sogenannten Angstkreis, von der Angstspirale oder dem Teufelskreis der Angst: so können sich Ängste sprichwörtlich aufschaukeln... Die Amygdala, also unser Angstzentrum im Gehirn, kann bei bestimmten Lebensumständen (z.B. bei Dauerstress oder Depressionen) hyperaktiv werden und dadurch ihre Bewertungsfunktion nicht mehr richtig ausführen. So können sogenannte Angststörungen oder Panikattacken entstehen.

In der Psychotherapie unterscheidet man:

  1. Angststörungen
  2. Phobien
  3. Panikstörungen
  4. Posttraumatische Belastungsstörungen
  5. Zwangsstörungen

1) sogenannte generalisierte Angststörungen (Betroffene sind über einen länger Zeitraum von über verschiedene Dinge verängstigt und besorgt: wie der übermächtigen Befürchtung Angehörigen könnte etwas zustoßen, oder man selber könnte schwer erkranken - Hypochondrie),

2) sogenannte Phobien: das sind spezifischen Ängste (wie der Furcht vor Spinnen, vor Zahnarztbesuchen, der Flugangst (obwohl Fliegen eine der sichersten Formen des Verkehrs ist), oder der Furcht alleine und somit schutzlos zu sein - wie auf weiten großen Plätzen, kurz: Agoraphobie, die häufigste Phobie - das Gegenteil der Klaustrophobie, der Furcht vor engen Räumen). Und die sogenannte Soziale Phobie (oder soziale Angststörung) - hier haben Betroffene starke Angst davor, kritisiert, bloßgestellt oder erniedrigt zu werden. Diese Angst bezieht sich auch auf alltägliche Situationen, wie vor einer Öffentlichkeit zu sprechen oder zu essen, sich bei der Arbeit durchzusetzen oder Smalltalk zu machen.

3) sogenannten Panikstörungen: Wer ohne ersichtlichen Grund rasendes Herzklopfen, Schwindel oder Atemnot bekommt, leidet an einer Panikattacke (wie plötzliche Panikreaktionen des Körpers genannt werden, die scheinbar ohne ersichtlichen Grund auftreten) oder

4) sogenannte Posttraumatische Belastungsstörungen - diese treten als eine verzögerte psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis auf (ein sogenanntes Trauma)

und

5) Auch sogenannte Zwangsstörungen zählen zu den Angststörungen. Sie haben jedoch eine Sonderstellung. Zumeist sind es ritualhafte Handlungen, die den Betroffenen Sicherheit zu geben scheint: zum Beispiel Wasch- und Putzzwang, zwanghaftes Kontrollieren und Überprüfen, ob die Tür verschlossen ist oder ob der Herd abgedreht wurde.

Kann man Angst wieder verlernen und wenn ja, wie?

Es gibt im Grunde bloß zwei Ängste, die nicht erlernt sondern angeboren sind: Babys schrecken einerseits vor Abgründen oder großen Höhen zurück, andererseits erschrecken sie bei unbekanntem Lärm. Alle anderen Ängste erlernen wir im Laufe unseres Lebens. – Einerseits durch Erziehung, indem wir etwa das Verhalten unsere Eltern nachahmen (deshalb entwickeln Kinder häufig gleiche Ängste wie ihre Mütter oder Väter). Andererseits entstehen Ängste durch unangenehme oder eher traumatische Erfahrungen im Leben. Unser Unbewusstes merkt sich dabei diese Angstauslöser, um dann bei ähnlichen Situationen das Gefühl der Angst zu erzeugen. Unser Gehirn ist also beim Erlernen von Ängsten sehr plastisch, d.h. jeder Mensch hat seine besondere Angstgeschichte, also wann und wie stark das allgemeine Angst-Programm aktiviert wird. Man kann daher vor allem Angst haben: wie z.B. vor Flöten oder Luftballonen (bzw. dem Zerplatzen davor).

Die gute Nachricht ist, dass sich so gut wie jede Angst durch gezielte Therapie verlernen lässt. Die "schlechte" Nachricht – wenn man sie so bezeichnen will – ist: um Ängste zu verlernen, ist es in jeder Angst-Therapie notwendig, sich nach und nach den angstauslösenden Situationen zu stellen. Es lässt sich also nicht vermeiden, dass man sich auch mit jenen Dingen oder Alltagssituationen konfrontiert, die die eigenen Ängste hervorrufen. Als Therapeut sorge ich aber stets dafür, dass sich Klienten nur auf gut verträgliche "Angst-Dosen" einlassen. So kann man sich wortwörtlich langsam aber sicher auch größeren Ängsten stellen.

Um eigene Angstreaktionen verändern zu können, muss man lernen den persönlichen Angstkreis zu durchbrechen. Dazu haben wir therapeutisch vier Möglichkeiten, das heißt auf allen Ebenen kann auch das Angsterlebens aktiv eingewirkt werden:

  1. auf Angstgefühle
  2. auf Angstgedanken
  3. auf körperliche Angstreaktionen oder Symptome
  4. auf ängstliches Verhalten

In der Angsttherapie geht es vereinfacht gesagt also einfach darum: hilfreiche Wege aufzuzeigen, wie man konkret in seine individuelle Angstspirale eingreifen kann, um diese zu beenden

  • Mit Imaginationen oder „inneren Bildern“ können wir bewusst auf unbewusste Affekte, Emotionen und Gefühle einwirken.
  • Durch „gedankliches Umfokussieren“ und neue Angstbewertungen kann man das eigene Denken steuern.
  • Mittels Atemtechniken wie der „Zwerchfell-Atmung“ kann der Körper aus seiner Angespanntheit gebracht werden.
  • Über die Entwicklung neuer Verhaltensmuster kann man bisherige Reaktionen wie Vermeidung, Ankämpfen oder Erstarren verändern.

Fachlich nennt man alle diese Interventionen, die wir selber durchführen können: Selbstregulation. Vereinfacht gesagt geht es bei allen meinen therapeutischen Anleitungen also darum, wirksam in deinen eigenen Angstkreis eingreifen zu können. Auf diese Weise weren Betroffene relativ schnell lernen, das eigene Angst- oder Panikerleben wieder kontrollieren und normalisieren zu können.

Wann sollte man zum Psychotherapeuten gehen?

Empfehlenswert ist eine Psychotherapie immer dann, wenn es nicht mehr möglich ist Leidenszustände bzw. Ängste, Panik oder Sorgen alleine oder durch Unterstützung von Partner, Familie oder Freunden aber auch Ärzten gut zu bewältigen. Die Diagnose einer "generalisierten Angststörung" trifft dann zu, wenn die Besorgnis und Anspannung bezüglich alltäglicher Ereignisse mindestens sechs Monate vorhanden ist und verschiedene körperliche und psychische Symptome vorliegen.

Bei panischen Angstreaktionen werden vor allem therapeutische Körperübungen vermittelt, um zu lernen mit dieser "Angst vor der Angst" umzugehen. Es geht hier vor allem darum, die unangenehmen Körpersymptome mit eigener Kraft zu beeinflussen, besser damit umgehen zu können und sie schließlich los zu werden. Damit kann Angst wieder seine Funktion als lebensnotwendige Emotion übernehmen.


Wissenswertes:

  • Angst ist eine lebenswichtige Emotion
  • Angst wird durch Gefühle, Gedanken, Körpersymptome und Verhalten erlebt
  • Angst verstärkt sich im Teufelskreis von Angstgefühlen, Angstgedanken, körperlichen Angstsymptomen und ängstlichem Verhalten
  • unangemessene Ängste wurden erlernt
  • Angst und Atmung hängen eng zusammen
  • bei Angst schüttet der Körper Stresshormone aus, um Höchstleistungen bringen zu können
  • Angst ist ein evolutionäres Programm, um uns möglichst zu schützen
  • unser biologisches Angstzentrum sitzt im ältesten Bereich des Gehirns
  • große Angst führt zu drei unwillkürlichen Reaktionen: Flucht, Angriff oder Erstarren
  • bei Angst beginnen unbewusste Prozesse ins uns abzulaufen

Therapeutisches:

  • der Teufelskreis von Angst kann unterbrochen werden, indem wir auf Gefühle, Gedanken, Körper oder Verhalten bewusst eingewirkt
  • wir können unangemessene Ängste verlernen
  • um Ängste zu verlernen, müssen wir uns allmählich den „Bedrohungssituationen“ stellen
  • die Beruhigungsatmung vermittelt unserem Körper ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit
  • weil sich in unserem Leben die ängstliche„Es“-Seite stärker ausgeprägt hat, ist es wichtig unsere „Ich“-Seite zu stärken
  • damit wir bei Angst die „innere Führungskraft behalten können, ist eine ausgeglichene Kräftebalance von „Ich“- und „Es“-Seite nötig


Selbsttest "Allgemeine Ängstlichkeit"

Selbsttest "Panikattacke"

Selbsttest "Sozialphobie"


Video-Information: Angststörungen (ca. 5 Minuten)

Film-Dokumentation: Angsttherapie (ca. 45 Min.)

Video-Vortrag: Mit Angst leben (ca. 1:30 Stunden)


Überblick über alle Phobien (Ängste von A-Z)

Smartphone-Apps zur Angstbewältigung

Smartphone-App: Angsttagebuch

Angsttagebuch downloaden (pdf)

 
 
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