Schamgefühle: ein häufiges Thema in der Therapie

Fachartikel von Robert Riedl

Vielen Menschen geht es am Beginn einer Psychotherapie gleich: es fällt ihnen eher schwer über "gewisse Dinge" zu sprechen. Dabei ist es völlig verständlich, dass ein bestimmtes Schamgefühl empfunden wird, wenn man einen Therapeuten aufsucht. Scham ist nämlich eine sehr wichtige Emotion. Sie regelt in zwischenmenschlichen Beziehungen den achtsamen Umgang mit Respekt und Würde.

Unsere Schamgrenzen können sehr verschieden sein. Schließlich ist das Erleben von Scham davon abhängig, wie in unserer Familie mit Schamgefühlen umgegangen wurde. In jeder Familie gibt es andere Schamgrenzen und besondere Tabus. Während es für die einen Eltern "normal" ist, sich vor ihren Kindern nackt zu zeigen, können andere es als Tabubruch erleben. Zudem hat jede Kultur ihre eigenen Umgang mit Scham, etwa in Bezug auf Sexualität oder indem ganze Körperregionen gesellschaftlich tabuisiert werden.

Schon im frühen Kindesalter lernt man sich zu schämen. Wir erinnern uns vielleicht an unangenehme Fragen unserer Eltern, wie: "Schämst du dich nicht?", oder sogar an ihren blamierenden Vorwurf: "Schäm dich!" – Manchmal führt ein inadäquater Umgang mit Schamgrenzen sogar dazu, dass man sich für selbstverständliche Dinge zu schämen beginnt. Die Scham betrifft in diesem Fall Bereiche, die eigentlich einen selbstverständlichen Umgang im Leben haben sollten. Man schämt sich dann...

  • für den eigenen Körper oder das Nacktsein (manchmal sogar alleine im privaten Rahmen)
  • für bestimmte Merkmale (z. B. das Geschlecht, die Herkunft, den kulturellen Hintergrund)
  • für ein Versagen, Fehler oder Nicht-Entsprechen (z. B. wegen einer gesellschaftlichen Norm, einem bestimmten Status oder erwünschten Moralvorstellungen)
  • für persönliche (auch sexuelle) Wünsche und Bedürfnisse
  • oder für andere Personen, was als sogenanntes Fremdschämen bezeichnet wird: jemand anderer macht etwas, das in uns Scham auslöst

Oft drücken sind starke Schamgefühle durch bestimmte körperliche Reaktionen aus: wie Erröten, Schwitzen, Zittern bis hin zu Panik, weiche Knie, Stottern, unwillkürliches Zusammenziehen und "Im-Boden-Versinken", sich klein machen und ducken oder durch verspannte Muskelpartien.

In der Psychotherapie geht es bei sehr leidvoll erlebten Schamerfahrungen zunächst darum, vor allem Vertrauen und Sicherheit für den Klienten zu schaffen.
Im nächsten Schritt wird das Erleben in Schamsituationen beleuchtet, um neue Ideen des Umgangs mit der Scham zu entwickeln. Zudem wird versucht, wieder eine gute Verbindung zur eigenen Gefühlswelt herzustellen. Dabei geht es darum, dem unangenehmen Affekt der Scham mehr und mehr andere, angenehme Gefühle entgegenzustellen.

So kann die Aufmerksamkeit auch in Situationen, die als beschämend erlebt werden, auf Emotionen wie Vertrauen oder Sicherheit gelenkt werden. Hilfreich kann es dazu sein, das Hineinspüren in den eigenen Körper zu trainieren. Auch durch sogenannte Achtsamkeitsübungen lassen sich Schamgrenzen neu und für sich passend ausrichten.



Warum Scham eine gute Sache ist

Video-Information: Gefühle und Emotionen

Video-Vortrag: Scham und Schamlosigkeit

 
 
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