Therapeutische Traumarbeit: Träume wecken in uns Bilder des eigenen Erlebens

Fachartikel von Robert Riedl

Das Phänomen des Träumens lässt sich weiter fassen als ein schlafendes Mysterium, das sich orakelhaft ausdrückt. Therapeutische Traumarbeit ist mehr als unseren traumhaften Bewusstseinsrausch möglichst lebensnah zu interpretieren. Jeder Nachttraum entfaltet in uns vitale Kompetenzen, die auch im Wachleben genutzt werden sollten — insbesondere von Menschen, denen es eher nicht mehr möglich erscheint, Leidenszustände und Probleme alleine oder durch Unterstützung von Partner, Familie oder Freunden zu bewältigen.

Träume fachlich auslegen zu lassen, kann hilfreich sein, um etwa mit Depressionen, Burnout, Ängsten oder Krisen gut umgehen zu können. Aber auch die allgemeine Verbesserung von Lebensqualität oder eine wertneutrale Unterstützung bei Entscheidungsprozessen können therapeutische Ziele sein. Dazu können Traumbilder in einen sinnvollen Zusammenhang mit dem eigenen Lebensalltag gerückt werden. Geträumtes hinsichtlich aktueller Herausforderungen auslegen zu versuchen, ist bloß eine Variante therapeutischer Traumarbeit.

Im Traumschlaf entfalten sich unsere produktiven Gestaltungskräfte mühelos. Sie manifestieren sich primär in zwei zusammengehörigen Ressourcen: 1) unsere Fähigkeit des Visionierens und 2) unsere Fähigkeit des Verwirklichens. Beide sogenannten Traumkompetenzen repräsentieren Pole menschlicher Vitalität, die auch für jede Psychotherapie substanziell sind.

Wer in realen Lebenswelten etwas verwirklichen und gestaltet möchte, versucht bestimmte Zielvorstellungen und Zukunftsbilder zu konkretisieren: wir visionieren Möglichkeiten und beabsichtigte Wirklichkeiten, um diese realisieren zu können. Dieses Talent zeigt sich in aktiven Bewusstseinszuständen, in denen Vorhaben oder Perspektiven sowie Zuversicht und Motivation kreiert werden. Vereinfacht könnte man von einem zielorientierten Tagträumen sprechen. Wir nützen unser visionäres Vorstellungsvermögen, um mentale und emotionale Attraktoren zu schaffen: Zukunftsbilder, die einem in ihrer vorausschauenden Attraktivität „zu sich hin ziehen“ (wie der lateinische Ausdruck ad trahere es anschaulich darlegt). Zündende Ideen entspringen ebenso Visionsfähigkeiten, wenn auch „Geistesblitze“ und originelle Einfälle weniger planbar sind als ein linear-kreatives Ausmalen von handlungsbezogenen Zielsetzungen.

Die traumaffine Seite des Visionierens bedarf im Wachleben eine pragmatische Dimension, die sich im aktiven Verwirklichen des Beabsichtigten ausdrückt. Mit anderen Worten: wir planen nicht nur, sondern nützen munter unsere Lebensressourcen, um Pläne umzusetzen. Außerdem eignet man sich Strategien an, um persönliche Ziele erreichen zu können. Wer beispielsweise ein Buch schreiben will, muss seine Einfälle zu Papier bringen. Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) formulierte es so: „Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muß auch tun.“

Im Dialog anhand von Träumen versucht der Therapeut sogenannte Traumkompetenzen von Klienten zu verorten, zu begünstigen, zu unterstützen und zu trainieren. Dazu wird das richtungsweisende Vorstellungsvermögen sowie das gestalterische Kapital gefördert. In nächtlichen Träumen scheinen unsere schöpferischen Kräfte allgegenwärtig. In der Psychotherapie können mittels Traumdialoge oder über traumverwandte Wachzustände (wie durch Trance oder hypnotherapeutische Interventionen) sowohl unsere Visionierungsqualitäten als auch Realisierungsfähigkeiten möglichst nah an individuellen Lebenswelten lokalisiert, entwickelt und eingeübt werden.

Hilfreich kann dazu auch mein Traumtagebuch sein: angemeldete User können darin Träume online eingeben und Geträumtes mit anderen anonym teilen. Ein interaktives Symbollexikon gibt automatisch Hinweise zur Traumsymbolik. Auch Kommentare anderer User können Anregungen zur Bedeutungsgebung und Inputs zur Traumdeutung geben.



 
 
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