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Männer in Psychotherapie: eine Reise in die verborgene Gefühlswelt

Fachartikel von Robert Riedl

Der Weg in die Praxis eines Psychotherapeuten ist für viele Männer eine Hürde. Man(n) geht leichter zu Seminaren für Führungscoaching, Stressprävention oder Zeitmanagement - als in Therapie. Überspitz formuliert: Männer machen Fortbildungen und Sport, aber nur selten eine Psychotherapie!

Die meisten Männer sprechen eher wenig über ihre Gefühle, und kaum über Verzweiflungszustände, Enttäuschungen, Kränkungen oder Ängste. Schließlich haben sie gelernt diesen Gefühlen auszuweichen, weil genau dies von Jungen und Männern erwartet wird. Es scheint "männlicher" zu sein, still und leise zu leiden und durchzubeißen. Zwar spürt man etwa die körperlichen Symptome psychischer Anspannung (wie Verspannungen, Kopfschmerzen, Druck im Bauch, Schlafstörungen), doch selbst der Hausarzt tut sich schwerer Männern eine Therapie zu empfehlen als Frauen. Viele Männer versuchen ihr Leiden und den psychischen oder physischen Schmerz wegzudrücken, eine Möglichkeit ist durch mehr Arbeit und Leistung, mittels Alkohol oder Aggressionen und Gewaltbereitschaft. - Wir könnten uns zu Recht fragen, ob ein Mann, der einen Therapeuten aufsucht um etwa Lösungen zu finden, nicht selbstbewusster, intelligenter und männlicher wäre als Männer, die sich - überspitzt formuliert - lieber das Leben nehmen würden als eine Therapie zu beginnen? Wie heißt es: Männer haben keine Depressionen, sie bringen sich höchstens um! Aber ernsthaft: der Suizid kann als die etremste Form der Aggression gegen sich selbst gesehen werden.

Psychotherapie kann einen sicheren Rahmen schaffen, um sich mit ich-feindlichen Werten und Mythen über Männlichkeit auseinanderzusetzen: sich also Fragen über das Leben als Mann zu stellen, ohne als Mann hinterfragt zu werden. Doch eine Therapie ist nicht einfach ein philosophischer Tratsch: sie ermöglicht, sich den Mangel hinter Leidenszuständen anschauen zu können und über die eigene Verletzlichkeit sowie ganz normale Männerprobleme zu sprechen, ohne dabei im eigenen Sosein angegriffen zu sein. - Zum Glück wagen mehr und mehr Männer den Schritt zum Psychotherapeuten. So nahm die Zahl der Männer, die einen Psychotherapeuten aufsuchten, in den letzten zehn Jahren etwa um 20 Prozent zu.

Ob ein Mann zu einem Therapeuten oder einer Therapeutin geht, ist dabei weniger wichtig; entscheidend ist nicht das Geschlecht des Ansprechpartners, sondern vielmehr dass Männer eine passende Ansprache erfahren: notwendig ist ein gewisses Verständnis darüber wie Männer ticken und warum es ihnen nicht leicht fällt, sich auf therapeutische Gespräche einzulassen. Auch die Männlichkeit selbst und der eigene Umgang damit kann zum therapeutischen Thema werden – Stichwort "der Mann in der Krise". Die sogenannte Männerkrise hat es im Grunde immer gegeben, doch im 21. Jahrhundert taucht offensichtlich stärker die Frage auf, was es bedeutet "männlich" zu sein?

Eine Erklärung, warum sich heute mehr Männer in ihrer Rolle als Mann verunsichert fühlen, ist die Emanzipation der Frauen, die – so begrüßenswert sie ist – zu Rollenkonflikten führt, z. B. zwischen Beruf und Vaterschaft. Doch wie Krisen ein normaler Bestandteil des Lebens sind, können "Männerkrisen" als Teil der männlichen Existenz verstanden werden. Dies könnte als Problem des modernen Mannes gesehen werden, oder aber als Chance eine für sich passendere Männlichkeit zu finden!



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