Welche Therapiemethode ist für mich die richtige?

Fachartikel von Robert Riedl

In Österreich gibt es insgesamt 23 psychotherapeutische Verfahren, die staatlich anerkannt sind. In Deutschland sind es zum Vergleich nur vier: die Systemische Psychotherapie, die Verhaltenstherapie, die Psychoanalyse und die tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Psychotherapie ist also nicht gleich Psychotherapie. Das kann verunsichern, wenn man auf der Suche nach einen Therapeuten ist. - Wie aber findet man heraus, welcher Psychotherapeut für einen der "richtige" ist? Und wie weiß man, ob die Therapieform zur Behandlung des eigenen Anliegens passt?

Eines vorweg: nicht jede therapeutische Methode hilft jedem gleich gut. Es stimmt auch nicht, dass eine Therapie umso besser wirkt, je länger diese dauert. Zwar können manche psychische Leiden für Personen ein Lebensthema sein, müssen aber nicht "lebenslang" therapiert werden. Jährlich geben Österreicher etwa 250 Millionen Euro für Psychotherapie aus. Wer Geld in eine Therapie investiert, erwartet zu recht, dass sich früher oder später seine seelische Verfassung bessert. Als Richtwert gilt: wenn sich nach maximal zehn Therapieeinheiten keine Besserung im Leidenszustand zeigt, ist die angebotene Therapiemethode für die Person höchstwahrscheinlich nicht wirksam. Dann wäre es angebracht sich ernsthaft zu fragen, ob ein anderes therapeutisches Verfahren oder ein anderer Therapeut hilfreicher wäre?

Die psychotherapischen Methoden in Österreich lassen sich in fünf Gruppen einteilen:

  1. Systemische Therapie: sieht Personen als "Experten ihrer selbst" an und fördert insbesondere eigene Handlungskompetenzen zur Problembewältigung sowie Beziehungen im sozialen Umfeld, um das Leben besser gestalten zu können
  2. Verhaltenstherapie: setzt auf eine Mitarbeit des Klienten im Sinne von Selbstverantwortung und der Bereitschaft, sich auf Lern- und Veränderungsprozesse einzulassen, um eigene Gefühle, Gedanken und Verhaltenweisen besser steuern zu können
  3. Tiefenpsychologische Therapien: gehen davon aus, dass unsere psychische Entwicklung von einem unbewussten Bereich mitbestimmt wird, der nicht direkt zuganglich ist und erst „aufgedeckt“ werden muss (z. B. Psychoanalyse, Katathym Imaginative Psychotherapie)
  4. Humanistische Therapieansätze: vertreten, dass jeder Mensch über ein ihm innewohnendes Entwicklungspotenzial verfügt, das in ehrlichen Beziehungen verwirklicht werden möchte (z. B. Personenzentrierte Therapie, Gestalttherapie)
  5. Körperorientierte Therapiemethoden: betrachten den Menschen als leibliches Wesen und arbeiten vor allem mit körperlichen Wahrnehmungen, körperlichem Ausdruck sowie Entspannungstechniken (z. B. Konzentrative Bewegungstherapie, autogenes Training)

Auf der Suche nach einen geeigneten Therapeuten sollte man eine Idee haben, welche dieser Therapierichtungen einen am ehesten ansprechen könnte. Einige Psychotherapeuten versuchen methodenübergreifend zu arbeiten – d. h., dass sie zwar verschiedene Methoden anwenden, dennoch in einer Therapiemethode ausgebildet wurden.
Zu schwierig jedoch sollte man sich die Entscheidung über die passende Therapierichtung nicht machen. Eine wissenschaftliche Analyse von 400 Therapie-Vergleichsstudien kam zum Ergebnis, dass Psychotherapie an sich wirksam ist. Einzelne Therapieformen weisen in ihrer Wirksamkeit keinerlei bedeutsame Unterschiede auf. Was besonders hilft, sind die Qualität der therapeutischen Beziehung, der Glaube des Klienten an die Therapie und die Überzeugtheit des Therapeuten von seiner Therapiemethode.

Seriöser Weise muss man zugeben, dass nicht jeder Psychotherapeut für jeden gleich hilfreich ist. Manche können ihren Klienten sogar schaden. Reden kann tatsächlich Silber und Gold sein, aber nicht immer ist Reden allein in einer Therapie genug. Je schwerer der psychische Leidenszustand ist, desto weniger kann es sogar helfen, wenn einem "bloß zugehört" wird. Eine Therapie beginnt nämlich erst zu wirken, wenn es dem Therapeuten wirklich gelingt, im Klienten eigene Ressourcen zu aktivieren. Ressourcen sind Stärken und Fähigkeiten, die wir alle besitzen: wie das Erleben von Zuversicht, Selbstvertrauen, Entscheidungsfähigkeit oder Handlungskompetenz, aber auch hilfreiche Beziehungen zu Partner, Familie, Freunde oder Kollegen können wichtige Ressourcen sein, um Leidenzustände besser bewältigen zu können.

Das psychotherapeutische Erstgespräch ist sicher die beste Möglichkeit, um herauszufinden, ob ein Therapeut zu einem "passt". Bei ersten Begegnungen spüren wir "aus dem Bauch heraus" ein Gefühl gegenüber anderen. Sympathien zwischen Menschen kommen zustande, ohne dass darüber nachgedacht werden muss. Unser Gehirn braucht etwa eine Zehntelsekunde, um sich eine intuitive Meinung über Fremde zu bilden. Im Grunde wäre also längst entschieden, ob ein Klient wiederkommen wird, sobald ich ihm die Hand schüttle und sage: Grüß Gott, Robert Riedl. — Verantwortlich dafür ist die Amygdala (griechisch: "Mandelkern"). Unser sogenannte Mandelkernkomplex bewertet neue Situationen augenblicklich. Er entscheidet, ob jemand als vertrauenswürdig gesehen wird. Auch in einer Psychotherapie ist spontane Vertrautheit notwendig, um private und sehr persönliche Dinge besprechen zu können.

Es stimmt jedoch nicht, dass man zu jedem Therapeuten gehen könnte, egal worunter man leidet – Hauptsache "die Chemie" stimme. Neueste Studien zeigen, dass Psychotherapie von Klient zu Klient sehr unterschiedlich wirken kann. Man sollte sich in einer Therapie aber niemals zu stark unter- oder überfordert fühlen. Es wäre, als versuchte man "unlösbare" Schwierigkeiten wie bisher zu lösen. Zu Recht begänne man an der begonnenen Therapie zu zweifeln und sich zu fragen, ob einem der aufgesuchte Therapeut tatsächlich helfen kann? In diesem Fall wäre es wohl besser, den Psychotherapeuten zu wechseln.


Anmerkung: Ich praktiziere nach der Methode der Systemischen Therapie, nach der in Österreich die meisten Psychotherapeuten arbeiten.


 
 
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